Lieber Bernd!
Die beiden Formen des Erfahrungswissen sehe ich auch etwas anders begründet:
handelt es sich um Erfahrungen aus Erlebnissen, Handlungen o.ä., ist zunächst ja die Verarbeitung bei der betroffenen Person erforderlich. Gelingt dies gut, kann die Person diese Erfahrung in seine Wissensstrukturen einbetten, vergleichen und auch strukturiert präsentieren - er hat die verarbeiteten Erfahrungen zu Konzepten entwickelt und diese in seinen Wissensstrukturen verankert. Dadurch ist es ihm leichter möglich, sich anhand von Strukturen zu orientieren, neues daraus abzuleiten.
Dem Praktiker fehlt oft die Zeit, Musse, aber auch mal das Können, sein Handeln entsprechend zu reflektieren, bevor er wieder zu handeln hat. In dieser Situation helfen strukturen wenig, erfordert es eher die vereinfachte & bewertete "Vorauswahl" an Informationen, um für den nächsten Schritt (oder die Wiederholung des letzten Schrittes) gerüstet zu sein; zumal der Praktiker nicht nur das abstrakte Erfahrungswissen lesen und verstehen, sondern auch noch in professionelle Handlung umzusetzen hat.
D.h. meiner Meinung nach sind es die Sichtweisen und der Erfahrungshintergrund, die den unterschiedlichen Zugang zu Erfahrungen nötig machen.
In Organisationen - das sehe ich so wie Du - entspricht die Prozessorganisation eher der zweiten Vorgansgweise (Prozesse sind ja immer noch vereinfachte, im Extremfall linearisierte, wiederholbare Abläufe). Dahingegen ist die Projektorganisation eher mit der ersten Sichtweise auf Erfahrungswissen besser bedient, da in Projekten idR viel Kreativität, Flexibilität und nur weniger wiederholtes, bekanntes vorkommt; deswegen auch der Zugang zu Erfahrungen vermutlich effizienter über Strukturen und sichtbaren Vernetzungen erfolgt. Gerade in Projekten scheint mir ein Problem in der Differenzierung des Wissens über Projekte und des Wissens aus/von Projekten relevant für mehr Klarheit und Effizienz in der Abwicklung zu sein.
In beiden Fällen wird es nicht erspart bleiben, diese Erfahrungen individuell und kollektiv zu überprüfen, eventuell erneut einzubetten (in die konkreten Wissensstrukturen des behandelten Themas) und daraus die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.
Herzlichen Gruß!
Michael Fegerl |